Blutsenkung (BSG): Normwerte und Ursachen hoher Werte
Die BSG misst, wie schnell rote Blutkörperchen absinken. Normwerte nach Alter und Geschlecht, Ursachen einer hohen Blutsenkung und Kosten nach GOÄ.

TL;DR: Die Blutsenkungsgeschwindigkeit (BSG) misst, wie viele Millimeter die roten Blutkörperchen in einer Stunde in einem senkrecht stehenden Röhrchen absinken. Nach der klassischen Methode liegt die Obergrenze bei Männern unter 50 Jahren bei etwa 15 mm, bei Frauen unter 50 bei etwa 20 mm, ab 50 Jahren bei etwa 20 mm für Männer und 30 mm für Frauen. Erhöht ist die BSG bei Entzündungen, Infekten und rheumatischen Erkrankungen, außerdem bei Blutarmut, in der Schwangerschaft und beim Multiplen Myelom. Die BSG gehört nicht zum kleinen oder großen Blutbild und wird separat angefordert. Stand: 25. September 2026.
Für die klassische Messung nach Westergren mischt das Labor venöses Blut mit Natriumcitrat, das die Gerinnung verhindert, und füllt es in ein 200 Millimeter langes, senkrecht stehendes Röhrchen. Nach einer Stunde liest es ab, wie weit die Säule der roten Blutkörperchen abgesunken ist. Das Tempo hängt vor allem von den Eiweißen im Blutplasma ab, am stärksten vom Gerinnungseiweiß Fibrinogen, daneben von den Antikörpern. Diese Eiweiße lassen die roten Blutkörperchen aneinanderhaften, die Zellverbände sinken schneller. Bei Entzündungen steigen genau diese Eiweiße an. Die BSG ist damit ein einfacher und unspezifischer Suchtest: Sie meldet eine Veränderung im Blut, die Ursache klärt der Arzt mit weiteren Untersuchungen.
Die Obergrenze der BSG steigt mit dem Alter und liegt bei Frauen höher
Für die klassische Westergren-Methode geben Labore diese Grenzen an:
| Angabe | üblicher Bereich | Einheit |
|---|---|---|
| Männer unter 50 Jahre | unter etwa 15 | mm nach 1 Stunde |
| Männer ab 50 Jahre | unter etwa 20 | mm nach 1 Stunde |
| Frauen unter 50 Jahre | unter etwa 20 | mm nach 1 Stunde |
| Frauen ab 50 Jahre | unter etwa 30 | mm nach 1 Stunde |
Viele Labore messen heute mit automatisierten Geräten, deren Grenzen deutlich abweichen können. Das Universitätsklinikum Ulm etwa nennt für sein photometrisches Verfahren bei Männern von 15 bis 50 Jahren bis 28 mm pro Stunde, bei Frauen im selben Alter bis 37 mm und über 70 Jahren bis 46 mm. Ein Wert von 25 mm kann also je nach Methode auffällig oder unauffällig sein. Maßgeblich ist deshalb immer der Referenzbereich, den das eigene Labor auf den Befund druckt.
Entzündungen und vermehrte Eiweiße beschleunigen die Senkung
Alles, was Fibrinogen oder Antikörper im Blut vermehrt, beschleunigt die BSG. Zu den Ursachen zählen:
- bakterielle Infekte wie Lungenentzündung, Hirnhautentzündung oder eine Blutvergiftung
- entzündlich-rheumatische Erkrankungen und Gefäßentzündungen wie die Riesenzellarteriitis
- Tumorerkrankungen und Bluterkrankungen, besonders das Multiple Myelom mit seinem vermehrten Antikörper-Eiweiß
- Gewebeschäden, etwa nach einem Herzinfarkt
- stark erhöhte Blutfette
- Blutarmut und vergrößerte rote Blutkörperchen (Makrozytose)
- Schwangerschaft und die Einnahme der Pille
Die beiden letzten Punkte erhöhen die BSG ohne Entzündung. Der Arzt berücksichtigt sie, bevor er einen erhöhten Wert als Krankheitszeichen wertet.
Blutarmut, Schwangerschaft und Probenfehler verändern die BSG ohne Krankheit
Bei einer Blutarmut sinken die roten Blutkörperchen schneller ab, weil weniger Zellen im Röhrchen stehen. Die Westergren-Methode reagiert empfindlich auf einen niedrigen Hämatokrit, also einen geringen Zellanteil im Blut. In der Schwangerschaft steigt die BSG, ebenso unter der Pille. Bei Frauen schwankt der Wert zudem mit dem Zyklus, und mit dem Alter steigt er bei beiden Geschlechtern.
Auch die Probe selbst beeinflusst das Ergebnis. Das Citratröhrchen muss vollständig gefüllt sein, sonst stimmt das Mischverhältnis von Blut und Citrat nicht. Labore empfehlen, die Messung innerhalb von zwei Stunden nach der Entnahme anzusetzen. Bei der Westergren-Methode spielen außerdem Temperatur und Hämatokrit eine Rolle, für einige automatisierte Verfahren ist das nicht bekannt.
Eine sehr niedrige BSG hat nur wenige Ursachen
Eine erniedrigte BSG ist medizinisch selten ein Thema. Sie findet sich bei Neugeborenen, bei einer Vermehrung der roten Blutkörperchen (Polyglobulie, Polyzythämie), bei manchen Formveränderungen der roten Blutkörperchen wie bei der Sichelzellkrankheit und unter entzündungshemmenden Medikamenten.
Eine Falle gibt es bei schwerer Blutvergiftung. Verbraucht der Körper dabei viel Fibrinogen, etwa bei einer Gerinnungsstörung durch Verbrauch, fällt die BSG niedriger aus, als es dem Ausmaß der Entzündung entspricht.
Bei neuen Kopfschmerzen ab 50 kann eine hohe BSG auf eine Riesenzellarteriitis deuten
Die Riesenzellarteriitis ist eine Entzündung großer Arterien, häufig der Schläfenarterie. Sie beginnt meist nach dem 50. Lebensjahr und tritt oft zusammen mit einer Polymyalgia rheumatica auf, die Schmerzen und Bewegungseinschränkungen in Schultern und Hüften verursacht. Bei der Diagnose sind BSG und CRP in der Regel erhöht. Die Leitlinie nennt als typische Zeichen:
- neu aufgetretene, anhaltende Kopfschmerzen, oft an der Schläfe
- geschwollene, verhärtete oder druckschmerzhafte Schläfenarterie mit schwachem Puls
- Schmerzen der Kaumuskulatur beim Kauen (Kieferclaudicatio)
- berührungsempfindliche Kopfhaut, etwa beim Kämmen
- Sehstörungen wie Doppelbilder oder kurzzeitiger Sehverlust auf einem Auge
- Fieber, Gewichtsverlust und Nachtschweiß
Die Krankheit kann zur plötzlichen Erblindung führen. In größeren Studien behielten 6 bis 37 Prozent der Betroffenen einen bleibenden Sehverlust, meist trat er vor Beginn der Behandlung ein. Die Leitlinie fordert deshalb bei begründetem Verdacht sofort eine Kortisonbehandlung, auch wenn noch nicht alle Untersuchungen abgeschlossen sind. Eine normale BSG schließt die Erkrankung nicht sicher aus: In einer großen Studie hatten 4 Prozent der gesicherten, unbehandelten Fälle weder eine erhöhte BSG noch ein erhöhtes CRP.
Beim Multiplen Myelom ist die BSG oft stark erhöht
Das Multiple Myelom ist eine Krebserkrankung der Plasmazellen im Knochenmark. Die entarteten Zellen bilden große Mengen eines einheitlichen Antikörpers, des sogenannten Paraproteins. Weil die BSG auf eine Vermehrung von Antikörpern reagiert, ist sie beim Myelom häufig stark erhöht, allerdings nicht bei allen Betroffenen. Das mittlere Alter bei der Diagnose liegt über 70 Jahren. Weitere Hinweise im Labor sind eine Blutarmut, ein erhöhtes Gesamteiweiß und ein schmaler Gipfel in der Eiweißelektrophorese, der sogenannte M-Gradient. Auch die Messung der freien Leichtketten im Blut gehört zur Abklärung.
Der Arzt vergleicht die BSG mit dem CRP
Das CRP reagiert schneller und hängt nicht von den roten Blutkörperchen ab. Nach einer Entzündung fällt es früher, die BSG bleibt länger erhöht. Zusammen mit dem Blutbild engen beide Werte die Richtung ein.
| Kombination | häufige Richtung der Abklärung |
|---|---|
| BSG erhöht, CRP erhöht | aktive Entzündung, Infekt oder entzündlich-rheumatische Erkrankung |
| BSG erhöht, CRP normal | Blutarmut, Schwangerschaft, abklingende Entzündung oder vermehrte Antikörper |
| BSG stark erhöht, Hämoglobin niedrig, Gesamteiweiß erhöht | Abklärung auf ein Multiples Myelom mit Eiweißelektrophorese |
| BSG und CRP erhöht, neue Schläfenkopfschmerzen ab 50 | Verdacht auf Riesenzellarteriitis, Abklärung am selben Tag |
| BSG sehr niedrig, Hämatokrit hoch | Vermehrung der roten Blutkörperchen (Polyglobulie) |
Eine hohe BSG wird je nach Beschwerden unterschiedlich schnell abgeklärt
Ein leicht erhöhter Wert ohne Beschwerden wird meist nach einigen Wochen kontrolliert. Vorher fragt der Arzt nach Blutarmut, Schwangerschaft, Pille und einem gerade überstandenen Infekt. Ein deutlich erhöhter Wert mit Knochenschmerzen, Gewichtsverlust oder Nachtschweiß gehört zeitnah abgeklärt.
Noch am selben Tag ärztlich beurteilt werden sollten Menschen ab 50 mit neuen Kopfschmerzen, Kauschmerzen oder Sehstörungen, weil eine Riesenzellarteriitis das Augenlicht bedroht. Den Notruf 112 braucht, wer plötzlich auf einem Auge nicht mehr sieht oder bei einer Infektion Warnzeichen einer Blutvergiftung zeigt: Fieber mit Schüttelfrost, schnelle Atmung, Herzrasen, Verwirrtheit.
Die BSG selbst verursacht keine Beschwerden
Beschwerden stammen von der Ursache: Fieber und Husten bei einer Lungenentzündung, schmerzende und geschwollene Gelenke bei Rheuma, Schläfenkopfschmerz bei einer Riesenzellarteriitis, Knochenschmerzen besonders im Rücken beim Myelom. Eine Blutarmut zeigt sich an Blässe, Müdigkeit und Atemnot bei Belastung.
Häufige Fragen zur Blutsenkung
Gehört die BSG zum großen Blutbild?
Nein, die BSG ist weder Teil des kleinen noch des großen Blutbilds und wird eigens angefordert. Für die klassische Methode braucht das Labor ein eigenes Röhrchen mit Citratzusatz, das bei derselben Blutentnahme gefüllt wird. Manche automatisierten Verfahren messen die BSG auch aus EDTA-Blut, dem Röhrchen des Blutbilds.
Ist eine höhere BSG im Alter normal?
Ja, die Obergrenze steigt mit dem Alter. Nach der klassischen Methode gelten für Männer ab 50 etwa 20 mm und für Frauen ab 50 etwa 30 mm nach einer Stunde als oberer Normwert. Automatisierte Verfahren setzen für über 70-Jährige teils höhere Grenzen, am Universitätsklinikum Ulm 46 mm pro Stunde.
Kann die BSG trotz Entzündung normal sein?
Ja, das kommt vor. Bei schwerer Blutvergiftung mit Fibrinogenverbrauch fällt sie niedriger aus als erwartet, unter dem Rheumawirkstoff Tocilizumab normalisiert sie sich trotz aktiver Krankheit, und bei der Riesenzellarteriitis hatten in einer Studie 4 Prozent der Betroffenen weder eine erhöhte BSG noch ein erhöhtes CRP. Der Arzt entscheidet deshalb nie allein nach dem Wert.
Was bedeutet eine Sturzsenkung?
Als Sturzsenkung bezeichnen Ärzte eine sehr stark beschleunigte BSG. Eine einheitliche Grenze dafür gibt es nicht. Solche Werte kommen etwa bei schweren Infekten, bei der Riesenzellarteriitis und beim Multiplen Myelom vor und werden zügig abgeklärt.
Was kostet die Messung der BSG?
Im Labor wird die BSG nach GOÄ-Ziffer 3711 abgerechnet (40 Punkte): 2,33 Euro im einfachen Satz, 2,68 Euro beim üblichen Faktor 1,15. Misst die Arztpraxis selbst, gilt Ziffer 3501 (60 Punkte) mit 3,50 Euro oder 4,02 Euro. Bei medizinischem Anlass zahlt die Krankenkasse, als Wunschleistung ohne Anlass ist die Messung eine Selbstzahlerleistung (IGeL).
Der zweite wichtige Entzündungswert ist das CRP. Wie eine Blutarmut die BSG beeinflusst, zeigen die Artikel Hämoglobin zu niedrig und Erythrozyten, alle Werte im Überblick stehen in der Blutwerte-Tabelle.
Quellen
- DocCheck Flexikon: Blutsenkungsgeschwindigkeit
- Universitätsklinikum Ulm, Klinische Chemie: Leistungsverzeichnis Blutsenkungsgeschwindigkeit
- Labor Koblenz: Blutkörperchen-Senkungsgeschwindigkeit (BSG / BKS)
- AWMF: S2k-Leitlinie Management der Großgefäßvaskulitiden, Langfassung (Stand 2020, Neufassung in Arbeit)
- DocCheck Flexikon: Multiples Myelom
- Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ), Anlage: Gebührenverzeichnis, Abschnitt M