eGFR: Nierenfunktion, Stadien und Berechnung
Die eGFR schätzt, wie viel Blut die Nieren pro Minute filtern. Berechnung nach CKD-EPI, Stadien G1 bis G5, Einfluss des Alters und Cystatin C.

TL;DR: Die eGFR ist die geschätzte glomeruläre Filtrationsrate, also die Blutmenge, die beide Nieren pro Minute filtern, bezogen auf eine Körperoberfläche von 1,73 m². Das Labor errechnet sie aus dem Kreatinin, dem Alter und dem Geschlecht, meist mit der CKD-EPI-Formel. Werte ab 90 ml/min/1,73 m² gelten als normal, eine eGFR unter 60 über mehr als drei Monate spricht für eine chronische Nierenkrankheit, eingeteilt in die Stadien G1 bis G5. Die eGFR sinkt mit dem Alter auch ohne Krankheit, wird durch Muskelmasse verfälscht und gehört nicht zum Blutbild, sie wird mit dem Kreatinin angefordert und automatisch mitberichtet. Stand: 25. September 2026.
Die glomeruläre Filtrationsrate beschreibt, wie viel Blut die Nierenkörperchen, die Glomeruli, pro Minute filtern. Bei Gesunden sind das etwa 85 bis 135 Milliliter pro Minute. Messen lässt sich die GFR nur mit Aufwand, annähernd über die Kreatinin-Clearance aus einem 24-Stunden-Sammelurin, genau nur mit speziellen Markersubstanzen. Im Alltag schätzt das Labor sie deshalb aus einem Blutwert, meist dem Kreatinin, und rechnet Alter und Geschlecht ein. Das kleine e steht für estimated, also geschätzt.
Die CKD-EPI-Formel rechnet aus Kreatinin, Alter und Geschlecht
Die meisten Labore verwenden die CKD-EPI-Formel, die auch die deutsche hausärztliche Leitlinie zur chronischen Nierenkrankheit empfiehlt. Die überarbeitete Fassung von 2021 berücksichtigt nur noch Kreatinin, Alter und Geschlecht, die frühere Korrektur nach Hautfarbe ist entfallen. In Europa ist diese Fassung umstritten, weil sie bei Menschen ohne afrikanische Herkunft ungenauer schätzt als die Vorgängerin. Die europäische Fachgesellschaft für Labormedizin (EFLM) rät deshalb zur Fassung von 2009 ohne Hautfarben-Faktor oder zur europäischen EKFC-Formel. Dieselbe Probe kann so je nach Labor eine um einige Punkte andere eGFR ergeben, Verlaufswerte sind aus demselben Labor am besten vergleichbar. Weil die Formel das Alter einrechnet, ergibt derselbe Kreatininwert im Alter eine niedrigere eGFR. Bei einer Frau mit 0,9 mg/dl Kreatinin sind das nach der Fassung von 2021 mit 30 Jahren rund 88, mit 80 Jahren rund 65 ml/min/1,73 m², nach der Fassung von 2009 rund 86 und 61.
Die Einheit ml/min/1,73 m² bezieht das Ergebnis auf eine Standard-Körperoberfläche. Der Wert 1,73 m² entsprach 1927 der durchschnittlichen Körperoberfläche in den USA. In Deutschland liegt sie bei Frauen im Schnitt bei 1,6 m², bei Männern bei 1,9 m². Befunde und Leitlinien verwenden trotzdem einheitlich den Standardwert.
Die Stadien G1 bis G5 teilen die Nierenfunktion ein
| Stadium | eGFR in ml/min/1,73 m² | Bezeichnung |
|---|---|---|
| G1 | 90 und mehr | normal oder hoch |
| G2 | 60 bis 89 | leichtgradig eingeschränkt |
| G3a | 45 bis 59 | leicht- bis mäßiggradig eingeschränkt |
| G3b | 30 bis 44 | mäßig- bis hochgradig eingeschränkt |
| G4 | 15 bis 29 | hochgradig eingeschränkt |
| G5 | unter 15 | Nierenversagen |
Die Stadien G1 und G2 zählen nur dann als Nierenkrankheit, wenn zusätzlich Zeichen eines Nierenschadens vorliegen, etwa Eiweiß im Urin oder auffällige Befunde im Ultraschall. Eine chronische Nierenkrankheit liegt vor, wenn die eGFR unter 60 liegt oder der Urin zu viel Albumin enthält und dieser Befund länger als drei Monate anhält. Ein auffälliger Erstbefund wird deshalb nach drei Monaten wiederholt.
Zur Einteilung gehört ein zweiter Buchstabe für das Eiweiß im Urin, gemessen als Albumin-Kreatinin-Quotient: A1 unter 30 mg/g, A2 30 bis 300 mg/g, A3 über 300 mg/g. Ein Befund wie G3a A2 beschreibt eine leicht bis mäßig eingeschränkte Filterleistung mit mäßig erhöhtem Eiweißverlust. Der Referenzbereich auf dem eigenen Befund und die Einordnung durch den Arzt bleiben maßgeblich.
Mit dem Alter sinkt die eGFR auch ohne Krankheit
Nach dem 40. Lebensjahr gilt ein Rückgang um 1 bis 2 ml/min/1,73 m² pro Jahr als physiologisch. Die Stadieneinteilung kennt keine Altersanpassung. Deshalb erfüllen viele ältere Menschen formal die Kriterien eines Stadiums G3 oder höher: bei den über 65-Jährigen 24 bis 34 Prozent, bei den über 85-Jährigen 40 bis 50 Prozent. Die hausärztliche Leitlinie weist ausdrücklich darauf hin, dass die eGFR im höheren Alter auch physiologisch unter 60 liegen kann. Ob ein Wert behandlungsbedürftig ist, entscheidet der Arzt mit dem Albumin im Urin, dem Verlauf und den Begleiterkrankungen.
Diabetes und Bluthochdruck sind häufige Ursachen einer sinkenden eGFR
- diabetische Nierenerkrankung
- Gefäßschäden der Niere durch langjährigen Bluthochdruck
- Entzündungen der Nierenkörperchen (Glomerulonephritis)
- erbliche Erkrankungen wie Zystennieren
- akute Einbrüche durch Flüssigkeitsmangel, Blutverlust, Herzschwäche oder Medikamente wie NSAR, ACE-Hemmer und Sartane
- Abflusshindernisse, etwa eine vergrößerte Prostata
Als rasches Fortschreiten gilt ein anhaltender Verlust von mehr als 15 ml/min/1,73 m² pro Jahr oder von 25 Prozent des Ausgangswerts innerhalb eines Jahres.
Bei ungewöhnlicher Muskelmasse hilft Cystatin C weiter
Weil die Formel auf Kreatinin beruht, übernimmt sie dessen Schwächen. Zu günstig fällt die eGFR aus bei wenig Muskelmasse, starker Abmagerung, nach Amputationen, bei Lähmungen und bei Leberzirrhose. Zu ungünstig fällt sie aus bei viel Muskelmasse, nach großen Fleischmahlzeiten, unter Kreatin-Präparaten und unter Medikamenten wie Trimethoprim, die die Ausscheidung von Kreatinin bremsen. Auch in der Schwangerschaft und bei extremem Übergewicht ist sie nur eingeschränkt verwertbar.
Cystatin C ist ein kleines Eiweiß, das alle kernhaltigen Körperzellen in gleichmäßiger Menge bilden. Es hängt kaum von Muskelmasse, Ernährung und Geschlecht ab. Die internationale Leitlinie KDIGO schlug 2012 die Messung vor, wenn die kreatininbasierte eGFR zwischen 45 und 59 liegt und sonst keine Zeichen eines Nierenschadens bestehen. Die Fassung von 2024 empfiehlt sie immer dann, wenn Zweifel an der Kreatinin-eGFR bestehen und das Ergebnis die Behandlung ändert. Am genauesten ist eine Formel, die Kreatinin und Cystatin C kombiniert. Frei von Störfaktoren ist auch Cystatin C nicht: Kortisonbehandlung, Rauchen, chronische Entzündungen, Übergewicht und eine Schilddrüsenüberfunktion heben den Wert, eine Unterfunktion senkt ihn. Der Referenzbereich liegt je nach Labor etwa bei 0,5 bis 1,0 mg/l.
Der Arzt liest die eGFR zusammen mit Urin und Nachbarwerten
| Kombination | häufige Richtung der Abklärung |
|---|---|
| eGFR 45 bis 59, Albumin im Urin normal, höheres Alter | Kontrolle nach drei Monaten, eventuell Cystatin C |
| eGFR unter 60, Albumin im Urin erhöht | chronische Nierenkrankheit, Suche nach Diabetes und Bluthochdruck, Prüfung der Medikamente |
| eGFR fällt rasch gegenüber dem Vorwert | akute Nierenschädigung, Kontrolle innerhalb von zwei Wochen oder sofortige Abklärung |
| eGFR unter 45, Hämoglobin niedrig | Blutarmut durch die Niere möglich, andere Ursachen wie Eisenmangel ausschließen, dazu Calcium, Phosphat und Parathormon |
| eGFR unter 30 | Überweisung zum Nierenarzt |
Die eGFR bestimmt die Dosis vieler Medikamente
Viele Arzneimittel werden über die Niere ausgeschieden. Sinkt die Filterleistung, reichern sie sich an und können selbst schaden, etwa Colchicin, Digitalispräparate oder Methotrexat. Entzündungshemmende Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Diclofenac sind laut hausärztlicher Leitlinie bei einer eGFR unter 30 nicht erlaubt und oberhalb davon nur so kurz und niedrig dosiert wie möglich. Die Leitlinie empfiehlt bei Nierenkranken mindestens einmal im Jahr eine Durchsicht aller Medikamente, auch der frei verkäuflichen.
Ein sinkender Wert wird nach Tempo und Höhe abgeklärt
Eine erstmals erniedrigte eGFR ohne Beschwerden wird nach drei Monaten kontrolliert, ergänzt um den Albumin-Kreatinin-Quotienten im Urin, einen Urinstreifentest auf Blut, eine Blutdruckmessung und einen einmaligen Ultraschall der Nieren und Harnwege. Bei Verdacht auf eine akute Verschlechterung erfolgt die Kontrolle innerhalb von zwei Wochen. Ab einer eGFR unter 30 ml/min/1,73 m² empfiehlt die Leitlinie die Überweisung zum Nierenarzt.
Sofort in eine Notaufnahme gehören: kaum noch Urin, rasch zunehmende Wassereinlagerungen, Luftnot, ein sehr langsamer oder unregelmäßiger Herzschlag, Schwindel mit kurzer Bewusstlosigkeit und plötzliche Verwirrtheit.
Beschwerden treten meist erst in späten Stadien auf
Die Stadien 1 bis 3 verlaufen in der Regel ohne Beschwerden. Im Stadium 4 können Juckreiz, Blutarmut, Knochenschmerzen, Wassereinlagerungen und Schwäche auftreten, dazu Appetitlosigkeit und Übelkeit. Im Stadium 5 können die Nieren das Blut nicht mehr ausreichend reinigen, dann halten nur eine Dialyse oder eine Nierentransplantation die Folgen auf. Die Vorbereitung darauf beginnt, sobald ein Nierenversagen absehbar wird, oft wenn die eGFR unter 30 sinkt.
Häufige Fragen zur eGFR
Ist die eGFR im großen Blutbild enthalten?
Nein, die eGFR gehört nicht zum kleinen oder großen Blutbild. Sie wird aus dem Kreatinin im Serum berechnet, das der Arzt als eigenen Wert anfordert. Die meisten Labore geben die eGFR automatisch mit aus, sobald Kreatinin gemessen wird.
Ist eine eGFR von 60 im Alter normal?
Bei älteren Menschen kann eine eGFR um 60 ml/min/1,73 m² auch ohne Nierenkrankheit vorkommen, weil die Filterleistung nach dem 40. Lebensjahr jedes Jahr leicht sinkt. Entscheidend sind ein normaler Urinbefund und ein stabiler Verlauf. Eiweiß im Urin oder ein rascher Abfall sprechen dagegen für eine behandlungsbedürftige Nierenkrankheit.
Warum schwankt die eGFR zwischen zwei Messungen?
Kreatinin schwankt mit Trinkmenge, Fleischmahlzeiten, Training und Messmethode, und diese Schwankungen übertragen sich auf die eGFR. Die biologische Streuung liegt bei etwa 5 Prozent. Als bedeutsam gilt erst ein Rückgang um mindestens 20 bis 25 Prozent gegenüber dem Ausgangswert.
Wann ist Cystatin C sinnvoll?
Cystatin C ist sinnvoll, wenn die kreatininbasierte eGFR unzuverlässig ist, etwa bei sehr viel oder sehr wenig Muskelmasse, nach Amputationen, bei Leberzirrhose oder bei einer eGFR zwischen 45 und 59 ohne weitere Zeichen eines Nierenschadens. Die Kombination beider Werte liefert die genaueste Schätzung. In der Hausarztpraxis wird Cystatin C bisher selten bestimmt.
Was kostet die Bestimmung der eGFR?
Die eGFR selbst kostet nichts extra, weil die GOÄ rechnerisch ermittelte Ergebnisse nicht vergütet. Abgerechnet wird das Kreatinin nach Ziffer 3585.H1 mit 2,33 Euro im einfachen und 2,68 Euro im 1,15-fachen Satz. Cystatin C steht nicht in der GOÄ und wird analog berechnet, je nach Labor über Ziffer 3754 oder 3742, das ergibt im 1,15-fachen Satz 13,41 bis 16,76 Euro. Bei medizinischem Anlass zahlt die gesetzliche Kasse, als Wunschleistung ist die Messung eine IGeL.
Die Grundlage der Berechnung erklärt der Artikel zum Kreatinin, den zweiten klassischen Nierenwert der Artikel zum Harnstoff. Weil die Niere bei sinkender Filterleistung weniger Harnsäure ausscheidet, lohnt auch der Blick auf die Harnsäure. Alle Werte im Überblick zeigt die Blutwerte-Tabelle.
Quellen
- DEGAM: S3-Leitlinie Versorgung von Patient*innen mit chronischer, nicht-nierenersatztherapiepflichtiger Nierenkrankheit (2024)
- Clinical Chemistry and Laboratory Medicine (EFLM): Recommendations for European laboratories based on the KDIGO 2024 CKD Guideline
- gesundheitsinformation.de (IQWiG): Wie verläuft eine chronische Nierenkrankheit?
- MVZ Labor Leipzig: Laborinformation Cystatin C
- PubMed Central: Should Cystatin C eGFR Become Routine Clinical Practice?
- Gesetze im Internet: Gebührenordnung für Ärzte, Anlage (Gebührenverzeichnis)