Was bedeutet ein zu hoher Hämoglobinwert?

Hämoglobin zu hoch heißt meist Polyglobulie: Das Blut ist zähflüssiger. Häufige Ursachen, typische Werte und der Weg vom Befund zur Abklärung.

Hand im Schutzhandschuh nimmt ein Blutröhrchen mit violettem Deckel aus einem Ständer
EDTA-Röhrchen mit violettem Deckel im Labor, Symbolbild. Foto: AhmadArdity / Pixabay.

TL;DR: Ein zu hoher Hämoglobinwert bedeutet, dass das Blut mehr roten Farbstoff und damit mehr Sauerstoffträger enthält als üblich. Die meisten Labore setzen die Obergrenze bei etwa 16 g/dl für Frauen und etwa 17,5 g/dl für Männer an (Messgröße Hb, venöses Blut). Das Blut wird dadurch zähflüssiger, das Herz muss kräftiger pumpen. Häufige Ursachen sind Rauchen, Aufenthalt in großer Höhe, Flüssigkeitsmangel und seltener eine Erkrankung der Blutbildung. Ein einzelner Wert ist keine Diagnose, der Arzt ordnet ihn mit den übrigen Blutwerten ein. Stand: 19. September 2026.

Hämoglobin ist der rote Farbstoff in den Erythrozyten, den roten Blutzellen. Er bindet den Sauerstoff in der Lunge und gibt ihn im Gewebe wieder ab. Ein zu hoher Wert wird in der Medizin Polyglobulie oder Erythrozytose genannt. Der Wert gehört zum kleinen Blutbild und damit auch zum großen Blutbild, er fällt bei jeder routinemäßigen Blutuntersuchung an.

Hämoglobin über 16 g/dl bei Frauen und über 17,5 g/dl bei Männern gilt als erhöht

Die genauen Grenzwerte legt jedes Labor selbst fest, weil sie von Messgerät und Methode abhängen. Die verbreiteten Grenzen liegen dicht beieinander.

| Gruppe | häufige Obergrenze laut Labor | Einheit | |---|---|---| | Frauen | etwa 16 g/dl | Gramm pro Deziliter | | Männer | etwa 17,5 g/dl | Gramm pro Deziliter | | Raucher | teils eigene, höhere Bewertung | nach ärztlicher Einschätzung |

Der Wert auf dem Befund gilt immer zusammen mit dem Referenzbereich, den dasselbe Labor auf demselben Bogen abdruckt. Der Arzt beurteilt einen hohen Wert zusammen mit Hämatokrit und Erythrozytenzahl, weil alle drei Größen dieselbe Frage beantworten: wie viele Sauerstoffträger das Blut enthält.

Rauchen und Flüssigkeitsmangel sind die häufigsten Ursachen

Ein zu hohes Hämoglobin entsteht auf zwei Wegen: der Körper bildet mehr rote Blutzellen, oder dem Blut fehlt Flüssigkeit, sodass die Konzentration steigt, ohne dass mehr Zellen vorhanden sind.

  • Rauchen vermindert die Sauerstoffaufnahme im Blut, der Körper gleicht das mit mehr roten Blutzellen aus. Bei starken Rauchern sind erhöhte Werte die Regel, nicht die Ausnahme.
  • Flüssigkeitsmangel, etwa nach Durchfall, Erbrechen, starkem Schwitzen oder zu wenig Trinken, erhöht die Konzentration. Nach dem Ausgleich der Flüssigkeit normalisiert sich der Wert.
  • Aufenthalt in großer Höhe regt die Blutbildung an, weil die Luft weniger Sauerstoff enthält. Bergsteiger und Bewohner von Höhenlagen haben dauerhaft höhere Werte.
  • Leistungssport mit Ausdauerschwerpunkt, insbesondere der Missbrauch von Erythropoetin (EPO) und Höhentraining, erhöht den Wert gezielt und ist im Leistungssport verboten.
  • Seltener ist eine echte Erkrankung der Blutbildung: die Polycythaemia vera, eine krankhafte Vermehrung der roten Blutzellen im Knochenmark.
  • Erkrankungen von Lunge und Herz mit dauerhaft niedrigem Sauerstoffgehalt des Blutes, etwa eine schwere COPD, treiben die Blutbildung ebenfalls nach oben.

Kopfschmerzen und gerötete Haut sind häufige Anzeichen

Ein mäßig erhöhter Wert verursacht oft keine Beschwerden. Beschwerden entstehen vor allem durch die zähflüssiger werdende Konsistenz des Blutes.

  • Kopfschmerzen, Schwindel und Ohrgeräusche
  • gerötete, besonders im Gesicht sichtbare Haut
  • Blutdruckanstieg
  • brennende Hände und Füße, besonders nachts
  • in seltenen Fällen Sehstörungen und ein Druckgefühl hinter den Augen

Das Risiko von Blutgerinnseln steigt bei deutlich erhöhten Werten, weil zähflüssiges Blut leichter verklumpt. Deshalb nimmt der Arzt einen deutlich erhöhten Wert ernst und klärt die Ursache ab.

Der Arzt klärt die Ursache mit weiteren Blutwerten ab

Ein einzelner Hämoglobinwert nennt die Richtung, nicht die Ursache. Die Abklärung läuft in Stufen, und die meisten Stufen sind weitere Laborwerte aus demselben oder einem zweiten Röhrchen.

| Blutwert | was er bei der Abklärung zeigt | |---|---| | Hämatokrit | Anteil der festen Bestandteile am Blutvolumen. Ein erhöhter Wert bestätigt die Eindickung. | | Erythrozyten | Anzahl der roten Blutzellen. Eine echte Vermehrung zeigt sich hier gemeinsam mit dem Hämatokrit. | | Retikulozyten | junge rote Blutzellen. Erhöht deutet auf eine verstärkte laufende Neubildung hin. | | Erythropoetin (EPO) | Hormon der Niere. Ein erniedrigter Wert trotz hoher Zellzahl deutet auf eine Knochenmarkerkrankung. |

Reicht das Blutbild nicht, folgt eine Überweisung zum Hämatologen, der bei Verdacht auf Polycythaemia vera eine Knochenmarksuntersuchung veranlasst. Ein Bestandteil dieser Abklärung ist auch die Frage nach Rauchen, Medikamenten und Höhenaufenthalten, weil diese Ursachen häufiger sind als jede Erkrankung.

Die Behandlung richtet sich nach der Ursache

Bei Rauchern normalisiert sich der Wert oft nach dem Rauchstopp, auch wenn das Monate dauern kann. Bei Flüssigkeitsmangel genügt der Ausgleich der Flüssigkeitsbilanz und eine Kontrolle. Bei der Polycythaemia vera senken Hämatologen den Zellbestand regelmäßig durch Aderlass, weil sonst das Risiko von Blutgerinnseln steigt. Erkrankungen von Lunge und Herz werden von den jeweiligen Fachärzten behandelt, die Blutbildkontrolle läuft mit.

Ein deutlich erhöhter Wert gehört zeitnah abgeklärt

Ein mäßig erhöhter Wert ohne Beschwerden wird beim nächsten Praxisbesuch besprochen. Ein Arzttermin innerhalb weniger Tage gehört her, wenn Kopfschmerzen, Sehstörungen, Schwindel oder brennende Hände dazukommen. Sofort in eine Notaufnahme gehören Zeichen eines Blutgerinnsels: plötzliche Atemnot, einseitige Schwellung eines Beins, Lähmungen oder Sprachstörungen, weil ein zu hohes Hämoglobin das Risiko dafür erhöht.

Häufige Fragen zum zu hohen Hämoglobinwert

Kann zu wenig Trinken das Hämoglobin erhöhen?

Ja, Flüssigkeitsmangel erhöht das Hämoglobin, weil das Blutvolumen sinkt und die Konzentration der roten Blutzellen steigt. Es sind nicht mehr Zellen vorhanden, sondern weniger Flüssigkeit. Nach dem Ausgleich der Flüssigkeit und einer Kontrolle normalisiert sich der Wert.

Normalisiert sich das Hämoglobin nach dem Rauchstopp?

Das Hämoglobin sinkt nach dem Rauchstopp bei den meisten Rauchern deutlich ab, der Vorgang dauert Wochen bis Monate. Die Vorsorgeuntersuchung mit einem Kontrollblutbild legt fest, ob der Wert ohne weitere Behandlung in den Normbereich zurückkehrt.

Ist ein hoher Hämoglobinwert ein Vorteil für den Sport?

Ein hoher Hämoglobinwert verbessert die Sauerstofftransportkapazität, weshalb einige Sportler ihn anstreben. Aber ein krankhaft erhöhter Wert schadet: Das Blut wird zähflüssiger, das Herz muss kräftiger pumpen, das Risiko von Blutgerinnseln steigt. Eine künstliche Erhöhung mit EPO ist Doping und verboten.

Wird ein zu hoher Hämoglobinwert von der Krankenkasse abgeklärt?

Die Abklärung eines krankhaft erhöhten Hämoglobins ist eine Kassenleistung, sobald ein Krankheitsverdacht besteht. Ein auffälliger Wert im Blutbild ist ein solcher Verdacht. Die Klärung ohne jeden Verdacht auf eigene Nachfrage läuft als Selbstzahlerleistung.

Was passiert bei einem Aderlass?

Bei einem Aderlass entnimmt der Arzt etwa 200 bis 500 Milliliter Blut, ähnlich wie bei einer Blutspende. Das Blutvolumen und damit die Zahl der zirkulierenden roten Blutzellen sinken, das Blut wird wieder dünnflüssiger. Bei der Polycythaemia vera wird der Aderlass regelmäßig wiederholt, bis der Hämatokrit im Zielbereich liegt.

Alle Blutwerte des großen Blutbilds mit ihren Bedeutungen stehen in der Blutwerte-Tabelle, die GOÄ-Kosten der Messung im Artikel Was kostet ein großes Blutbild?.