Selen im Blut: Normwerte und wann die Messung nützt
Selen im Serum oder Vollblut: Normwerte, Versorgung in Deutschland, Risiken einer Überdosierung und wann die Messung sinnvoll ist und wann eher nicht.

TL;DR: Die Selenmessung bestimmt das Spurenelement Selen im Serum oder im Vollblut. Üblich sind im Serum etwa 50 bis 120 µg/l, im Vollblut bei Frauen etwa 60 bis 120 µg/l und bei Männern etwa 79 bis 130 µg/l, die Bereiche unterscheiden sich stark zwischen Laboren. Niedrige Werte finden sich bei Entzündungen, Darm- und Nierenerkrankungen, Dialyse oder künstlicher Ernährung, hohe Werte fast nur durch Nahrungsergänzungsmittel oder berufliche Belastung. Ein klinisch bedeutsamer Selenmangel ist bei Gesunden in Deutschland selten, als Routinewert bringt Selen deshalb wenig. Selen gehört nicht zum Blutbild, wird gesondert angefordert und ist ohne konkreten Verdacht keine Kassenleistung. Stand: 25. September 2026.
Selen ist Baustein von 25 bekannten Selenoproteinen. Dazu gehören Enzyme, die Zellen vor Schäden durch aggressive Sauerstoffverbindungen schützen, und Enzyme, die das Schilddrüsenhormon T4 in seine aktive Form T3 umwandeln. Die höchste Selenkonzentration aller Organe findet sich in der Schilddrüse. Der Körper enthält insgesamt nur 5 bis 20 Milligramm Selen. Wie viel Selen in Getreide und Gemüse steckt, hängt vom Boden ab, und europäische Böden sind eher selenarm. Zuverlässigere Quellen sind in Europa Fleisch, Eier und Fisch, weil dem Tierfutter in der EU Selen zugesetzt werden darf.
Im Serum liegen etwa 50 bis 120 µg/l Selen
Selen wird in Mikrogramm pro Liter (µg/l) angegeben. Die Referenzbereiche schwanken zwischen Laboren deutlich, weil sie von der regionalen Versorgung abhängen. Das Labor Becker etwa bewertet nach einem deutschen Referenzbereich, andere Labore setzen die Grenzen höher.
| Angabe | üblicher Bereich | Einheit |
|---|---|---|
| Erwachsene, Serum | etwa 50 bis 120 | µg/l |
| Erwachsene, Serum (höher angesetzte Bereiche) | etwa 74 bis 139 | µg/l |
| Frauen, Vollblut (EDTA-Blut) | etwa 60 bis 120 | µg/l |
| Männer, Vollblut (EDTA-Blut) | etwa 79 bis 130 | µg/l |
Der Wert auf dem Befund gilt immer zusammen mit dem Referenzbereich, den dasselbe Labor abdruckt. Kinder haben deutlich niedrigere Bereiche. In einer älteren westdeutschen Erhebung lag der mittlere Serumwert Erwachsener bei 82 bis 83 µg/l. Für Menschen, die beruflich mit Selen umgehen, gelten eigene arbeitsmedizinische Beurteilungswerte von 100 und 150 µg/l im Serum.
Die Versorgung in Deutschland ist knapp, ein Mangel trotzdem selten
Zur Selenzufuhr in Deutschland gibt es laut Deutscher Gesellschaft für Ernährung (DGE) keine aktuellen Daten. Ältere, mit Vorsicht zu lesende Schätzungen, die eine gemeinsame Expertenkommission des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte und des Bundesamts für Verbraucherschutz zusammengetragen hat, kommen auf etwa 30 bis 50 µg am Tag. Das liegt unter den Schätzwerten der DGE von 60 µg für Frauen und 70 µg für Männer. Trotzdem hält die Kommission fest, dass bei Gesunden in Deutschland in der Regel kein klinisch relevanter Selenmangel vorliegt. Vegetarier und besonders Veganer sind im Durchschnitt schlechter versorgt als Menschen, die auch tierische Lebensmittel essen.
Niedrige Selenwerte haben meist eine Grunderkrankung als Ursache
- Entzündungen und Infekte, weil das Transporteiweiß Selenoprotein P in der Entzündungsreaktion absinkt
- chronisch entzündliche Darmerkrankungen und andere Aufnahmestörungen im Darm
- Niereninsuffizienz mit Verlusten über den Urin sowie Dialyse
- Mukoviszidose
- künstliche Ernährung ohne Selenzusatz
- Magersucht, Bulimie und extrem einseitige Ernährung
- starke, anhaltende Blutverluste
- das Krebsmedikament Cisplatin, das den Selengehalt im Serum senken kann
Ein niedriger Serumwert bei einem Infekt beweist deshalb keinen Mangel. Eine Kontrolle nach dem Abklingen der Entzündung ist aussagekräftiger.
Zu hohe Selenwerte entstehen fast immer durch Präparate
Hohe Werte entstehen vor allem durch Nahrungsergänzungsmittel, besonders wenn mehrere Produkte zusammenkommen oder zusätzlich sehr selenreiche Lebensmittel auf dem Speiseplan stehen. Paranüsse sind besonders selenreich, ihr Gehalt schwankt je nach Anbaugebiet aber stark: Die DGE nennt als Mittelwert rund 103 µg pro 100 Gramm, laut Bundeszentrum für Ernährung kann schon eine einzige Nuss den Tagesbedarf decken. Die DGE rät außerdem wegen ihres Gehalts an radioaktivem Radium zu kleinen Mengen.
Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit hält für Erwachsene bis zu 255 µg Selen am Tag aus allen Quellen für tolerierbar. Die meisten Nahrungsergänzungsmittel enthalten höchstens 200 µg pro Tagesdosis. Wer dauerhaft zu viel aufnimmt, riskiert eine Selenose: Müdigkeit, Übelkeit, Durchfall, Gelenkschmerzen und neurologische Störungen, später Haarausfall, brüchige oder veränderte Nägel und ein knoblauchartiger Atem. Eine akute Vergiftung mit mehreren Gramm Selen kann zu Herzversagen und Kammerflimmern führen.
Einen Nutzen über die Deckung des Bedarfs hinaus sehen die Fachgremien nicht. Die DGE stellt fest, dass Selenpräparate nicht vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen schützen, Studien zu einem möglichen Schutz vor Krebs sind widersprüchlich. Die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie riet bereits 2014, Selen nur bei Mangelzuständen einzunehmen.
Der Serumwert taugt wenig als Routinewert
Selen im Serum hängt stark von der Form ab, in der Selen mit der Nahrung aufgenommen wird, und reagiert auf kurz zurückliegende Einnahmen und auf Entzündungen. Die Expertenkommission von BfArM und BVL bezeichnet den Plasmawert deshalb als problematisch, um den Versorgungsstatus zu beurteilen. Als aussagekräftigerer Marker gilt das Selenoprotein P, auf dem auch die aktuellen Zufuhrempfehlungen beruhen. Der Selengehalt der roten Blutkörperchen und damit des Vollbluts spiegelt eher die längerfristige Versorgung wider, weil er an die Lebensdauer dieser Zellen gebunden ist.
| Kombination | häufige Richtung der Abklärung |
|---|---|
| Selen erniedrigt, CRP erhöht | Entzündung als Ursache, Kontrolle nach Abklingen |
| Selen erniedrigt, Durchfall und Gewichtsverlust | Aufnahmestörung im Darm abklären |
| Selen erniedrigt, eGFR stark erniedrigt oder Dialyse | nierenbedingter Verlust, Ausgleich unter ärztlicher Kontrolle |
| Selen erhöht, Haarausfall, veränderte Nägel | Überdosierung durch Präparate, Einnahme überprüfen |
| TSH auffällig, Selen niedrig oder normal | Schilddrüse eigenständig abklären, Selen erklärt den Befund nicht |
Die Messung ist bei konkretem Verdacht sinnvoll
Eine Selenbestimmung ergibt Sinn bei Menschen mit erhöhtem Mangelrisiko: unter langer künstlicher Ernährung, an der Dialyse, bei Mukoviszidose, bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen oder schwerer Mangelernährung. Auch bei Verdacht auf eine Überdosierung durch Präparate, bei beruflicher Belastung und zur Kontrolle einer ärztlich verordneten Selenbehandlung wird gemessen. Selenhaltige Arzneimittel sind für einen nachgewiesenen Mangel zugelassen, der sich über die Ernährung nicht beheben lässt, ab 70 µg Tagesdosis sind sie verschreibungspflichtig. Für gesunde Menschen ohne Beschwerden und ohne Risikofaktoren ist die Messung als Vorsorgewert wenig hilfreich.
Ein niedriger Selenwert ist kein Notfall. Wer große Mengen eines Selenpräparats eingenommen hat oder nach der Einnahme Herzstolpern, Atemnot oder Bewusstseinsstörungen bemerkt, braucht sofort ärztliche Hilfe, bei schweren Zeichen über den Notruf 112. Haarausfall, brüchige Nägel und Knoblauchgeruch des Atems unter einem Präparat sind ein Grund, die Einnahme mit dem Arzt zu besprechen.
Ein Mangel zeigt sich vor allem an Muskeln und Herz
Ein ausgeprägter Selenmangel ist bei Patienten unter selenfreier künstlicher Ernährung beschrieben: mit Muskelschwäche, Muskelerkrankung und einer Schwäche des Herzmuskels (Kardiomyopathie). Die DGE nennt außerdem ein geschwächtes Immunsystem und eine gestörte Spermienbildung. In Deutschland sind solche Bilder bei Gesunden kaum zu erwarten. Häufiger stehen die Beschwerden der Grunderkrankung im Vordergrund, etwa Durchfall bei einer Darmerkrankung oder Müdigkeit bei einer Nierenschwäche.
Häufige Fragen zu Selen
Gehört Selen zum großen Blutbild?
Nein, Selen gehört weder zum kleinen noch zum großen Blutbild. Der Arzt muss es gesondert anfordern, das Labor misst es mit einem eigenen Verfahren aus Serum oder EDTA-Vollblut. Weil viele Labore Selen nur an einzelnen Wochentagen messen, dauert das Ergebnis oft mehrere Tage.
Serum oder Vollblut: Welche Messung ist aussagekräftiger?
Serum zeigt eher die Versorgung der letzten Zeit und sinkt bei Entzündungen. Vollblut enthält zusätzlich das Selen der roten Blutkörperchen und bildet damit einen längeren Zeitraum ab. Welche Probe sinnvoll ist, hängt von der Frage ab, die der Arzt klären will.
Sollte bei Hashimoto-Thyreoiditis Selen gemessen werden?
In einem Beitrag der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie von 2014 heißt es, dass die Auffassungen der Schilddrüsenexperten hier weit auseinandergehen und große Studien zum Nutzen einer Selengabe noch fehlen. Eine kleine Studie aus Niederösterreich fand keinen Unterschied im Selenspiegel zwischen Menschen mit Hashimoto und Gesunden. Ob eine Messung im Einzelfall sinnvoll ist, klärt der behandelnde Endokrinologe.
Kann man mit Paranüssen oder Präparaten zu viel Selen aufnehmen?
Ja, vor allem durch die Kombination mehrerer Nahrungsergänzungsmittel mit selenreichen Lebensmitteln. Für Erwachsene gelten laut EFSA 255 µg am Tag aus allen Quellen als tolerierbare Obergrenze, abgeleitet von Haarausfall, der in einer großen Studie schon bei einer Gesamtaufnahme von etwa 330 µg am Tag häufiger auftrat. Der Selengehalt von Paranüssen schwankt je nach Anbaugebiet stark, schon eine einzige Nuss kann den Tagesbedarf decken.
Was kostet die Messung von Selen?
Die Selenmessung wird nach GOÄ-Ziffer 4134 (Selen, Atomabsorption, flammenlos, 410 Punkte) berechnet und kostet 23,90 Euro im einfachen Satz und 27,48 Euro beim üblichen Faktor 1,15. Bei konkretem Verdacht, etwa unter Dialyse oder künstlicher Ernährung, zahlt die gesetzliche Krankenkasse. Ohne medizinischen Anlass ist die Messung eine IGeL, Blutentnahme und Beratung kommen hinzu.
Selen wird oft zusammen mit Zink angefragt, beide Werte werden durch Entzündungen verfälscht, die der Arzt über das CRP erkennt. Zur Schilddrüse informiert der Artikel zum TSH, alle Werte im Überblick stehen in der Blutwerte-Tabelle.
Quellen
- DGE: Ausgewählte Fragen und Antworten zu Selen
- BVL und BfArM: Stellungnahme zur Einstufung von selenhaltigen Produkten (Nr. 02/2021)
- Labor Becker: Leistungsverzeichnis Selen
- EFSA: Scientific opinion on the tolerable upper intake level for selenium (2023)
- Bundeszentrum für Ernährung: Paranüsse als Selen-Quelle
- Gesetze im Internet: Gebührenordnung für Ärzte, Gebührenverzeichnis